Siegfried Gosdschan/Ulrich Liedholz/Albert Nägele

 

 

MOTIVATIONSARBEIT MIT ALKOHOLKRANKEN OBDACHLOSEN IN DER TAGESSTÄTTE „AM WASSERTOR“

 

 

EINE DOKUMENTATION

JANUAR 1998 - DEZEMBER 2000

 

 

 

 
Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e. V

  Du darfst aber auch nicht mit ungewohnten, unerhörten Worten auf Leute einhämmern wollen, bei denen dies doch keinen Eindruck hinterläßt, weil sie ganz anders denken. Nein, auf einem Umweg mußt du vorgehen und mußt dich bemühen, alle Dinge, soweit dies an dir liegt, zweckmäßig zu erledigen und das, was du nicht in etwas Gutes verwandeln kannst, doch mindestens so gestalten, wie es am wenigsten schlecht ist.

 

Thomas Morus „Utopia“ (1516)

 

 

Inhalt

  

1.Einführung Seite 3
2. Ausgangslage Seite 5
3.Wohnungslosenhilfe und Co-Abhängigkeit Seite 10
4.Angebotsstruktur der Tagesstätte „Am Wassertor“ Seite 13
5.Motivationsarbeit Seite 14
6.Beschäftigungsangebote als flankierende Maßnahme zur Motivationsarbeit Seite 22
7.Statistik der Motivationsarbeit Seite 25
8.Fallbeispiel Seite 28
9.Resümee Seite 34
10.Verwendete Literatur Seite 37
11.Adressen Seite 39

           

                          r

1.    Einführung

 

 

Obwohl die Wohnungslosenhilfe und die Suchtkrankenhilfe zum Großteil ein identisches Klientel haben, die Untersuchungen der letzten Jahr­zehnte sprechen von rund 65 %, haben sie sich unterschiedlich ent­wickelt. Während die Wohnungslosenhilfe sich vor allem mit Armut und Verelendungsprozessen auseinandersetzt und eine äußere Hilfe für die Betroffenen anstrebt, hat es in der Suchtkrankenhilfe eine Individu­alisierung und Therapeutisierung gegeben, die vor allem auf innere Hilfe setzt.

 

Schaut man sich die Wohnungslosenhilfe heute an, so leugnet diese oftmals den Alkoholismus ihres Klientels und macht sich mitunter die Erklärungsmuster der Betroffen („Das Leben auf der Straße ist ja nur mit 3,8 Promille im Turm auszuhalten.“) zu eigen. Dabei wird häufig über­sehen, daß der Alkohol bereits vor dem Eintritt der Wohnungslosigkeit eine erhebliche Rolle im Leben der Betroffenen spielte, womöglich sogar der Hauptgrund für die Wohnungslosigkeit ist.

 

Auf der anderen Seite ist die Suchtkrankenhilfe heutzutage vorwiegend mittelschichtsorientiert. Überspitzt formuliert: Nur wer einen klaren Ver­änderungswillen möglichst differenziert verbalisieren kann, findet Zugang zum Angebot der therapieorientierten Suchtkrankenhilfe. Für alle anderen ist die Schwelle zu hoch. Das spezialisierte Angebot der Sucht­krankenhilfe ist in aller Regel nicht kompatibel mit den Kompetenzen eines Wohnungslosen. Er fällt schlicht durch den Rost. Aber auch Obdachlose sind alkoholkrank, auch sie haben einen Anspruch auf qualifizierte Hilfe.

Die Dokumentation entstand aus den konkreten Arbeitserfahrungen unserer Tagesstätte für Wohnungslose im Verbund mit unserer Beratungsstel­le für Alkoholkranke und Medikamentenabhängige in Kreuzberg. Wir können inzwischen auf drei Jahre intensiver Zusam­menarbeit mit Erfolgen und Rückschlägen zurückblicken und sind jetzt in der Lage, unsere Erfahrungen der interessierten Fach­öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 Unsere Arbeitsergebnisse sollen dazu beitragen, die Diskussion zum Thema niederschwellige Motivationsarbeit mit alkoholkranken Obdach­losen zu beleben.

 

Auf der nächsten Seite geben wir einen Überblick über das Zahlen­material deutscher Studien zur Alkoholproblematik Obdachloser.

 

Deutsche Studie zur Alkoholproblematik Obdachloser

 

Studie Zeitpunkt Klientenzahl Alkoholproblematik Abhängigkeit Missbrauch
Bielefeld (1) 1975

523

52%

16%

36&

Bielefeld (2)

Sperling/Goschler

1976

109

79,9%

56%

23,9%

Stuttgart
Weeber
1976

o.A.

84%

40%

44%

Bielefeld (3)

Sperling/John

1976/77 105

83%

58%

25%

Baden-Württemberg 1978 o.A.

46%

46%

o.A.

Kästorf

Locher

1985 342

66,9

34,7%

32,2%

Bielefeld (4)

Rieger/Wessel

1987 o.A.

30%

30%

o.A.

Münster

Eikelmann

1989

52

63,5%

55,8%

7,7%

München

Fichter

1989

146

91,1%

82,9%

8,2%

Mainz

Trabert

1989

40

42,5%

17,5%

25%

Berlin

Podschuss/Dufeu

1993/94

72

85,5%

68,1%

17,4%

Solingen

Nouvertné

1994

90

57,9%

36,8%

21,1%

Gesamt  

2290

65,19%

45,15%

24,05%

2.  Ausgangslage

 

 

Seit dem Mauerfall 1989 wurde die Tagesstätte von wohnungslos gewordenen Menschen aus den neuen und alten Bundesländern regelrecht überrannt. Hinzu kamen Armutsflüchtlinge aus den Ländern Ost­europas. Bis 1997 war die Tagesstätte ein erster Anlaufpunkt für Men­schen, die in Folge der sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen ihr Glück im reichen Westen suchen wollten.

 

1997 kam es zu einer Neustrukturierung der Arbeit. Auf Anregung des Bezirksamtes Kreuzberg wurden sowohl für die Tagesstätte „Am Wassertor“ (50 Plätze) als auch für die zufällig im gleichen Haus befindliche Beratungsstelle für Alkoholkranke und Medikamenten­abhängige neue Konzeptionen ent­wickelt. Der Gedanke war nun, die beiden Einrichtungen nicht mehr als getrennte und nebeneinander fungierende Hilfesysteme zu verstehen, sondern diese Einrichtungen inhaltlich und personell miteinander zu vernetzen. Somit wurde die bis dahin existierende paradoxe Situation aufgehoben, daß zwei Hilfesysteme im gleichen Haus trotz gemein­samen Klientels ohne Verknüpfung nebeneinander her arbeiteten.

Ein Sozialarbeiter der Beratungsstelle mit dem Arbeitsschwerpunkt Moti­vationsarbeit mit suchtkranken Obdachlosen wurde in die Tages­stätte integriert. Er stellt das personelle Bindeglied zwischen den beiden Ein­richtungen dar.

 Im selben Zeitraum wurde unser A-Club, der Kreuzberger Club für Alkoholabhängige, der sich heute in der Wrangelstraße 12 befindet, in unseren Verbund integriert.

 Auf diesem Hintergrund wurden 1999 zwei weitere, als dringend notwendig erkannte Bausteine des heutigen Verbundsystems Sucht des Diakonischen Werkes Berlin Stadtmitte e. V. etabliert. Dazu gehören jetzt drei Therapeutische Wohngemeinschaften (20 Plätze) und eine Beschäftigungstagesstätte (12 Plätze) in der Wrangelstraße 12.

Das nachfolgende Schaubild zeigt die einzelnen Bausteine des Verbund­systems sowie die möglichen Klientenbewegungen.

  Die Pfeile in der Grafik zeigen mögliche Klientenbewegungen zwischen den einzelnen Bausteinen an.

Im folgenden Schaubild wird die Aufhebung der Trennung zwischen den beiden Einrichtungen modellhaft dargestellt. Wesentlich ist dabei, daß der Berater den Besuchern der Tagesstätte bereits bekannt ist. Schwel­lenängste werden dadurch abgebaut. Die Klienten werden in der Tages­stätte dort abgeholt, wo sie sich in ihrer psychosomatischen Verelendung und sozialen Desorientierung momentan befinden. Erst dadurch wird eine Anbindung an die Beratungsstelle möglich.

 

Zur Ausgangssituation gehört es natürlich auch, sich Gedanken darüber zu machen, wen wir in der Tagesstätte vermutlich antreffen werden und welchen Personenkreis wir eigentlich zu einem suchtmittelfreien Leben motivieren wollen, kurz gesagt: Welche äußeren und inneren Merkmale kennzeichnen alkoholkranke Obdachlose? Hier nun (zugespitzt und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit) einige Stichworte:

 

Die äußere Problematik:

 

¨     Langjährige Erwerbslosigkeit

¨     Alkoholabhängigkeit und/oder Abhängigkeit von anderen Drogen

¨     Armut

¨     Überschuldung

¨     Schlechter Gesundheitszustand

¨     Verwahrlosung und Verelendung

¨     Abbruch von sozialen Kontakten

¨     Desorientiertheit innerhalb des Hilfesystems

¨     Stigmatisierung und Isolation

¨     Gesetzesübertretungen

¨     Häufige Gewalterfahrungen

 Die inneren Persönlichkeitsmerkmale:

  Innere Leere, starkes Gefühl der Sinnlosigkeit, kein innerer Halt, innere Bodenlosigkeit

¨     Äußerst geringe Frustrationstoleranz, Kleinigkeiten lösen häufig innere Katastrophen aus

Innenwelt und Außenwelt sind nicht klar voneinander getrennt, letztlich wird alles der Innenwelt zugeordnet, Distanzlosigkeit

¨     Starkes schwarz/weiß und gut/böse Denken

¨     Ich-Schwäche, Unfähigkeit tragfähige innere und äußere Strukturen zu bilden

¨     Fixierung auf frühe Notlösungen, Rückzug von der bedrohlichen Welt in die innere Realität

Folgen: Kontaktlosigkeit, Bindungsunfähigkeit, Beziehungsunfähigkeit, Kommunikationsunfähigkeit, Gruppenunfähigkeit

¨     Leben im frühkindlichen Gefühlselend, dieses Elend ist die einzige Heimat

¨     Erleben permanenter Todesbedrohung; Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schwäche, Ausgeliefertsein können daher nicht zugelassen werden

¨     Starker Wechsel der Gefühle, Gefühle werden als absolut erlebt, unkontrollierbare Wut, objektloser Haß, große Angst, Panik, große innere Spannungen, inneres Getriebensein, Hektik, Unruhe

¨     Hohes Maß an Selbstzerstörung, Selbstmordver­suche

¨     Gelebt wird überwiegend in einer Phantasie- oder Wahnwelt und in der Gegenwart, wenig Bezug zur Vergangenheit und Zukunft

¨     Keine emotionale Bindung an Regeln, Verabredungen, Normen, Gesetze oder Moralvorstellungen

3.  Wohnungslosenhilfe und Co-Abhängigkeit

 In den kalten Wintermonaten des Jahres 1993/94 erfroren mehrere Obdachlose auf der Straße. Der Aufschrei der Öffentlichkeit war groß. Sowohl die Medien als auch die Politik forderten von den Wohlfahrts­verbänden geeignete Sofortmaßnahmen.

 Als erstes mietete das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg eine Turnhalle mit studentischer Betreuung an. Darin fanden rund 100 Obdachlose eine Notunterkunft für die restlichen Wintermonate. Im darauf folgenden Winter eröffneten mehrere Kirchengemeinden soge­nannte Notübernachtungen, Spät- und Nachtcafés, die von Studenten und ehrenamtlichen Helfern beaufsichtigt wurden. Seither hat sich diese Form der Hilfe in der Stadt etabliert, inzwischen gibt es rund vierzig dieser Einrichtungen, verteilt über ganz Berlin. Für den dortigen Aufenthalt werden in der Regel kaum Bedingungen an die Besucher gestellt.

 Diese Form der Wohnungslosenhilfe kann unter Umständen dazu führen, daß süchtiges Verhalten und Suchtmittelabhängigkeit begünstigt und gefördert, jedoch nicht behandelt oder einge­dämmt wird. Diese Hilfe kann - trotz bester Absichten - zu einer Form von gut­gemeinter Co-Abhängigkeit werden, die nicht erreicht, was sie möchte, nämlich den Menschen wirksam, d. h. dauerhaft zu helfen.

 Die Wohnungslosenhilfe sah häufig den Obdachlosen als jemanden, der lediglich einen menschenwürdigen Wohnraum bräuchte und dann stünde einem sozial angepaßten Leben nichts mehr im Wege. Dem ist beileibe nicht so.

Der suchtkranke Obdachlose will es selten wahrhaben, daß er im Grunde nicht alleine wohnen kann. Zwar proklamiert er für sich, daß er nur eine Wohnung bräuchte und dann bekäme er nach und nach auch alles andere wieder in den Griff. Sozialarbeiter und andere Helfer haben sich wieder und wieder um Wohnraum für dieses Klientel bemüht. Die Folge war jedoch sehr häufig, daß die mühevoll erlangte Wohnung zum Beispiel durch Mietrückstände, Verwahrlosung oder aggressives Verhalten nach kürzester Zeit wieder verloren ging.

 Unter dem Aspekt der Suchterkrankung rückt die Wohn­fähigkeit damit ins Zentrum des Problems der Obdachlosigkeit. Nicht mehr alleine wohnfähig zu sein bedeutet: Der suchtkranke Obdachlose hat panische Angst vor der Einsamkeit. Er kann mit sich alleine in der Wohnung nichts anfangen, er kann sein Leben in diesem so ersehnten Raum nicht für sich behaglich gestalten. Statt dessen mißbraucht er seine Wohnung als „Kneipe“. Oder er gewährt Saufkumpanen über längere Zeiträume Unterkunft und schreitet nicht ein, wenn diese lauthals Nachbarn und andere Mieter belästigen oder bedrohen. Unzählige weitere Beispiele dieser Art ließen sich hier anführen.

 Denn eine Voraussetzung für das Erleben von Behaglichkeit ist die Gestaltung von tragfähigen Beziehungen zu Menschen, die nahe genug sind, um die emotionalen Grundbedürfnisse nach Geborgenheit, Lieben und Geliebt­werden befriedigen zu können. Diese Bereiche sind jedoch bei unserem Klientel oft seit frühester Kindheit unterentwickelt oder gestört. Dies wiederum führt zu einer fundamentalen sozialen Desorien­tierung, die nur durch das Bereit­stellen von engen Strukturen und dichter Betreuung eingegrenzt werden kann.

 Aber gerade betreute Wohnmöglichkeiten werden vom suchtkranken Obdachlosen häufig abgelehnt, weil er befürchtet, daß dadurch seine Suchtbefriedigung gestört oder verhindert wird. Als Fluchtmöglichkeiten bieten sich ihm vor allem die Straße oder Wohnformen an, in denen Alkoholexzesse toleriert und akzeptiert werden. Hier schließt sich für den suchtkranken Obdachlosen ein Teufelskreis. Er ist nicht alleine wohnfähig unter anderem deshalb, weil er suchtkrank ist. Seine Suchterkrankung verstärkt sich wiederum dadurch, weil er keine hilfreichen Strukturen (wie zum Beispiel therapeutische Wohnge­meinschaften) annimmt und akzeptiert.

Einige weitere Überlegungen von uns, die den Arbeitsansatz der Wohnungslosenhilfe, die nicht die Suchtproblematik in den Vordergrund stellt, problematisieren, ohne die Notwendigkeit dieses Tätigkeitsfeldes grundsätzlich in Frage stellen zu wollen:

¨     Für den sozialen Abstieg wird mitunter die Argumentation des Süchtigen übernommen, indem er aus der Eigenverantwortlichkeit entlassen und für sein Scheitern vor allem das Versagen gesellschaftlicher Strukturen verantwortlich gemacht wird. Typisch ist hierfür unter anderem, daß Wohnungslosigkeit in erster Linie als Resultat von Armut definiert und Alkoholismus weitgehend als deren unvermeidliche Folge angesehen und akzeptiert wird

¨     Der Verlust sozialer Kompetenzen wird als unveränderbarer Teil der Persönlichkeit des Obdachlosen angesehen, dies heißt im Grunde, daß von obdachlos gewordenen Menschen keinerlei Entwicklung mehr erwartet wird. Durch diese Sichtweise ist es jedoch lediglich bedingt möglich, vorhandene Ressourcen des suchtkranken Obdachlosen zu erkennen und zu aktivieren

¨     Dieser Blickwinkel auf das Klientel führt letztendlich zu einer Chronifizierung der Suchtkrankheit und zur Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Der Süchtige versucht von sich aus stets, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und sich einer Kon­frontation mit seiner Krankheit zu entziehen. Alkoholbedingte psych­ische, physische und soziale Folgeschäden werden daher in manchen Teilbereichen der Wohnungslosenhilfe kaum erkannt und nicht adäquat behandelt

¨     Es besteht die Gefahr, daß sich Teile der Wohnungslosenhilfe inner­halb der bestehenden anderen Hilfesysteme weitgehend isolieren und Fachleute der Suchtkrankenhilfe ausgrenzen

¨     Viele der Betroffenen streben (auch begünstigt durch die gute Struktur der Wohnungslosenhilfe) keine grundlegende Veränder­ung ihrer Lebensform an. Den Winter verbringen sie in Not­übernachtungen, Spät- und Nachtcafés, im Sommer leben sie draußen

¨     Daraus resultierend verweigern viele Wohnungslose Reintegrations­maßnahmen wie zum Beispiel Betreutes Wohnen, Langzeittherapien oder Beschäftigungsmaßnahmen

 

Die Suchtkrankenhilfe legt großen Wert auf eine Anbindung der Hilfesuchenden an das bestehende Hilfesystem auf Zeit. Ziel der Hilfe ist stets die Reintegration in die Gesellschaft. Bleibt die Wohnungslosenhilfe bei einer Problembearbeitung auf der Ebene der Symptome, kann den suchtkranken Menschen die notwendige und mögliche Hilfe nicht zuteil werden und beinhaltet auch die unausgesprochene oder unbewußte Hinnahme einer im Wesen tödlichen Krankheit. Teilweise wird offen von Sterbebegleitung gesprochen, was bei älteren und physisch sowie psychisch stark abgebauten suchtkranken Obdachlosen sicher ein wertvolles Angebot darstellt. Das Angebot der Wohnungslosenhilfe ist unseres Erachtens jedoch nicht ausreichend, wenn es um noch relativ junge suchtkranke Obdachlose geht. Hier ist unser Ziel die Eingliederung in die Gesellschaft durch ein baldiges Ende der Suchtkarriere, der Ausprägung sozialer Kompetenzen, der Erreichung von Wohnfähigkeit, und einer Zurückgewinnung der Arbeitskraft.

 

 

4.  Angebotsstruktur der Tagesstätte „Am Wassertor“

Die Angebotsstruktur der Tagesstätte besteht aus vier Bausteinen. Die Grundversorgung und die sozialarbeiterische Betreuung bilden gemein­sam den Basisbaustein. Dieser sichert den niederschwelligen Zugang zur Einrichtung für alle Wohnungslosen, ob sie nun suchtmittelabhängig sind oder nicht. Darauf aufbauend sind weiterführende Maßnahmen wie die Motivationsarbeit und das Beschäftigungsangebot, das allen Klienten offensteht, in der Tagesstätte installiert.

   

5.  Motivationsarbeit

In seinem Buch „Diagnose der Suchterkrankung“ schreibt Reinhold Aßfalg, Leiter einer Fachklinik, „daß der Begriff „Motivationsarbeit“ für ihn immer noch zu den dunkelsten dieses Fachgebietes gehört“. Ein Blick in die weitere einschlägige Fachliteratur offenbart, daß es offensichtlich nicht nur ihm so ergangen ist. Entweder wird das Thema Motivation ausgespart, oder es werden derart komplizierte Modelle angeboten und dargestellt, die für eine praktische Umsetzung schlichtweg unge­eignet sind. Hier sei vor allem Jörg Petry erwähnt. Denn wie sagte schon der französische Dichter Paul Valèry so treffend: „Was einfach ist, das ist immer falsch. Was nicht einfach ist, das ist unbrauchbar.“

 

Hier sei nun kurz dargestellt, was wir an Einfachem und Brauchbarem zum Thema Motivation für unsere Arbeit gefunden haben.

 

Der Begriff Motivation ist lateinischen Ursprungs (motus = Bewegung, Erregung, movere = bewegen, veranlassen). Laut Duden meint Moti­vation die Beweggründe, die das Handeln eines Menschen bestimmen. Motiv heißt: Beweggrund, Antrieb, Ursache, Leitgedanke und motivieren bedeutet: begründen, anregen.

 

Basis jeder Motivationsarbeit ist ein tragfähiges Arbeitsbündnis zwischen Sozialarbeiter und Klient. In der gemeinsamen Arbeit gilt es dann, die vorhandenen motivierenden kognitiven und emotionalen Faktoren (z. B. Einsicht, Leidensdruck) zu verstärken und motivationshemmende Ein­flüsse (z. B. positives Erleben der Alkoholwirkung, Ängste und Vorurteile) abzubauen.

 

Die Motivation ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozeß, bei dem etwas bewegt werden soll, nämlich eine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, daß vor allem der Leidensdruck (d. h. die bei einer Fort­setzung des Suchtmittelkonsums zu erwartenden Nachteile) ent­scheidend ist für die Aufnahme einer Behandlung. Die Erfolgserwartung ist hierbei von geringerer Bedeutung.

 

Nach dem Beginn des Behandlungsprozesses ist in der Regel ein Motivationsabfall zu beobachten. Der Leidensdruck nimmt ab und Abwehr- und Verleugnungsprozesse gewinnen an Bedeutung. Wichtig ist stets, daß die Veränderungsziele klar erkennbar, attraktiv und prinzipiell erreichbar sind.

Für die Suchtarbeit ist es hilfreich, grundsätzlich zwischen drei Motivationen zu unterschieden:

 

¨     Allgemeine Veränderungsmotivation

¨     Abstinenzmotivation

¨     Behandlungsmotivation

 

In der Alkoholismusbehandlung sind fünf Stufen des Motivationsprozesses beschrieben worden:

 

¨     Erste Ahnung zur Problematik des Trinkverhaltens

¨     Problematisierung des Trinkverhaltens

¨     Akzeptieren der Abhängigkeit – Krankheitseinsicht

¨     Therapiebereitschaft

¨     Bereitschaft zur dauerhaften und zufriedenen Abstinenz

 

Für die praktische Durchführung der Motivierung empfiehlt sich eine Konkretisierung in sechs Zielvorstellungen:

 

¨     Erkennen der Notwendigkeit einer Änderung der gegenwärtigen Situation („So geht’s einfach nicht mehr weiter.“)

¨     Anerkennung der Hilfebedürftigkeit („Ich schaffe es nicht mehr allein.“)

¨     Akzeptieren der angebotenen Hilfe („Ich lasse mir helfen.“)

¨     Anerkennung des Alkoholikerstatus („Ich bin süchtig, ich bin Alkoholiker.“)

¨     Anerkennung des Abstinenzzieles („Ich darf überhaupt keinen Alkohol mehr trinken.“)

¨     Anerkennung des Ziels des allgemeinen Verhaltenswandels („Ich muß mich und mein Leben verändern, wenn ich nicht rückfällig werden will.“)

 

Was kann Sozialarbeit tun, um den Motivationsprozeß des Klienten positiv zu beeinflussen?

 

¨     Rückmeldung bezüglich der Folgen des Klientenverhaltens

¨     Stärkung der Eigenverantwortlichkeit des Klienten

¨     Qualifizierte Beratung hinsichtlich der anvisierten Ziele und der geeigneten Vorgehensweise

¨     Wahlmöglichkeit zwischen unterschiedlichen Hilfeformen aufzeigen

¨     Einfühlendes Verstehen und Begleiten

¨     Förderung der Einstellung, daß fast jeder Mensch in fast jeder Situation sein Leben auch selbst gestalten kann und nicht nur ohnmächtiges und ausgeliefertes Opfer ist

 

Des weiteren möchten wir zwei Modelle der Motivationsarbeit vorstellen, die sich für unsere Arbeit als hilfreich erwiesen haben.

 

Modell der Motivationsarbeit

(nach Aßfalg)

 

 

  + Vorteile des Suchtverhaltens(Abhängigkeit Co-Abhängigkeit   - Nachteile des Suchtverhaltens(äußerer und innerer Druck)  
Suchtverhalten AbhängigkeitCo-Abhängigkei

Patient/

Patientin

ent-

scheidet

 

  Verhaltensänderung

Abstinenz

Autonomie,

Therapeuti-scher Prozeß

  - Nachteile

(Befürchtungen) 

  +  Vorteile einer Verhaltensänderung

(Erwartungen)

 

Basis: Vertrauensvolle Beziehung Patient-Therapeut

 

 

Ab einem bestimmten Punkt beginnt der Süchtige an seiner Abhän­gigkeit oder wenigstens an deren Folgen zu leiden. Andererseits weiß er, daß gerade das Suchtmittel am besten in der Lage ist, die grauen Wolken der Realität (zumindest für kurze Zeit) wieder aufzulösen. Motivationsarbeit heißt nun, diesen Ambilvalenzkonflikt auf der Basis mit­menschlichen Verstehens postitiv zu beeinflussen.

 

Prochaska und DiClemente haben die Phasen der Veränderung wie folgt beschrieben:

 

1.    Phase: Vor-Absichtsbildung (Precontemplation)

2.    Phase: Absichtsbildung (Contemplation)

3.    Phase: Vorbereitung (Preparation)

4.    Phase: Aktion (Action)

5.    Phase: Aufrechterhaltung (Maintenance)

 

Zu diesen Phasen haben Prochaska et al. nachfolgendes Spiralmodell entwickelt.

 

Für unsere konkrete Motivationsarbeit mit alkoholkranken Obdachlosen in der Tagesstätte „Am Wassertor“ haben wir folgende Schritte be­schrieben, deren Inhalt wir mit einigen Stichpunkten andeuten.

 

1.    Kontaktarbeit in der Tagesstätte

 

¨     Präsens in der Tagesstätte

¨     Zugehen auf Besucher

¨     Kontaktaufnahme

¨     Näheres Kennenlernen

 

2.    Stabilisierung des Ist-Zustandes

 

¨     Verhinderung der weiteren Verelendung

¨     Versorgung mit Essen und Kleidung

¨     Hygiene

¨     Medizinische Versorgung

¨     Sicherung der materiellen Lebensgrundlage

¨     Unterbringung

 

3.    Aufbau einer Arbeitsbeziehung zu einzelnen Besuchern

 

¨     Vermittlung von Akzeptanz

¨     Mißtrauen abbauen

¨     Vertrauen aufbauen

¨     Stabilität und Zuverlässigkeit von seiten des Betreuers gewährleisten

¨     Regelmäßige Gespräche

¨     Vertiefung der Beziehung

¨     Hilfestellung bei der Bewältigung konkreter Probleme

¨     Abklärung des Lebenskontextes

 

4.    Sucht zum Thema machen

 

¨     Aufklärung über Sucht und Suchtentwicklung

¨     Vorstellen des Krankheitsverlaufs nach Jellinek

¨     In welcher Phase der Krankheit befindet sich der Klient?

¨     Was ist der Kontrollverlust?

¨     Sucht und Gesellschaft

¨     Alkohol als Genuß- und Suchtmittel

¨     Sucht als Krankheit

¨     Einsatz von Medien (Videofilme, Broschüren, Bücher etc.)

¨     Hinweise auf Hilfsangebote

5.    Konfrontation mit dem Suchtverhalten

 

¨     Deutliche Hinweise auf eingetretene Folgeschäden des Alkohol­konsums im seelischen, geistigen, körperlichen, sozialen und ökonomischen Bereich

¨     Problematisieren von aggressivem Verhalten

¨     Herausfinden der realen Trinkmenge

¨     Entgegentreten bei Verharmlosung und Verleugnung

¨     Verarbeiten des Erkenntnisschocks

 

6.    Motivationsanalyse

 

¨     Was will der Klient?

¨     Wie sieht er seine Lebenssituation?

¨     Wie steht er zu seiner Suchterkrankung?

¨     Wie groß ist der Leidensdruck?

¨     Existiert ein Hilfewunsch?

¨     Anamnese der Suchterkrankung

¨     Analyse der Suchtstruktur

¨     Bedeutung des Alkohols im jetzigen Lebenskontext des Klienten

¨     Lebensziele des Klienten

¨     Erwartungen an ein suchtmittelfreies Leben

¨     Umgang mit Frustrationen

¨     Umgang mit seelischem Schmerz

 

7.    Ausloten der Veränderungsbereitschaft

 

¨     Was will der Klient verändern?

¨     Was will er auf keinen Fall verändern?

¨     Welche realistischen Möglichkeiten der Veränderung gibt es?

¨     Welche Ängste hat der Klient vor Veränderungen?

¨     Angstabbau

¨     Bearbeitung der Abwehrstruktur

¨     Aufbau einer realistischen Sichtweise des Lebens

¨     Ansprechen und Aufdecken von Scheinlösungen

¨     Thematisierung der bisher gescheiterten Lebensversuche

¨     Bewußtmachung des Verelendungsprozesses

¨     Vermittlung von Krankheitseinsicht

¨     Ressourcenanalyse

¨     Erstellung eines Hilfeplans

 

 

8.    Begleitung der ersten Veränderungsschritte

 

¨     Anpassung des Hilfeplans an die aktuelle Situation

¨     Ummünzen von Rückschlägen in einen Veränderungsschub

¨     Krisenintervention

¨     Rückfallprophylaxe

¨     Veränderung von Einstellung und Verhalten

¨     Koordination einer Behandlungskette

¨     Kontakte zur Suchtberatungsstelle

¨     Einleitung einer Entgiftungsbehandlung

¨     Kontakte zu Selbsthilfegruppen

¨     Beantragung einer Alkoholentwöhnungsbehandlung

¨     Einbeziehung des sozialen Umfeldes

 

9.    Integration in das Hilfesystem Sucht

 

¨     Feste Anbindung des Klienten an das etablierte Suchthilfesystem

¨     Auswertung des gemeinsamen Arbeitsprozesses

¨     Klärung der weiteren Perspektiven

¨     Ablösung des Klienten vom Betreuer der Tagesstätte

¨     Loser Nachsorgekontakt, Besuche im neuen Umfeld (etwa 6 Monate)

 

Wir haben versucht, diese oben beschriebenen Schritte in dem folgenden Schaubild darzustellen. Es beschreibt auch den Weg der­jenigen Klienten, die nicht das gesamte Motivationsprogramm durch­laufen, sondern dann ausscheren, wenn es wirklich ernst wird, wenn konkrete Veränderungen anstehen.

 

Auch zu diesen Klienten besteht weiterhin Kontakt. Wir versuchen dann, suchtbegleitend tätig zu werden und den Klienten und seine persönliche Situation, soweit es uns möglich ist, zu stabilisieren und ein weiteres Abrutschen in die Verelendung zu verhindern.

 

 

 

 

6.  Beschäftigungsangebote als flankierende Maßnahme zur Motivationsarbeit

 

 

Der Alltag der meisten unserer Besucher ist geprägt von Leere, Langeweile und Lethargie. Um die Besucher aus dem für viele bereits chronisch gewordenen Gefühlszustand herauszuholen, bedarf es mehr als nur aufmunternder Gespräche. Weit und breit fehlt es aber an hand­festen und konkreten Angeboten, die wieder Ziel, Sinn und Zusam­menhang vermitteln für Menschen, die aus fast allen haltgebenden Rahmen herausgefallen sind.

 

Mit den ersten Erfolgen in der Motivationsarbeit werden die Gedanken und Wahrnehmungen des Suchtkranken klarer. Damit wird aber auch die Beschwerlichkeit des noch bevorstehenden Weges sicht­bar. Dies ist häufig ein Punkt der Verzweiflung und Resignation, dem allzu oft der Ab­bruch der Beziehung zu den Mitarbeitern der Tagesstätte folgt.

 

Aus der Beschreibung unseres Klientels und den Erfahrungen unserer Arbeit wird deutlich, daß sich mit guten Worten allein niemand vom scheinbar bequemen Weg der Sucht hin zu einem intensiven, abstinenzorientierten Arbeitsprozeß führen läßt. Alkohol­kranke Obdachlose lassen sich erfah­rungsgemäß nur mit dem puren Abstinenzziel nicht erreichen. Notwendig sind vielmehr konkrete, erfahrbare und nicht überfordernde Hilfe­stellungen, die sich in die unmittelbaren Beziehungskontexte ihrer Lebenszusammenhänge ein­fügen lassen. Daraus entstand der Ansatz, überschaubare, kontinu­ierliche und im Arbeitszusammenhang der Tagesstätte not­wendige und sinnvolle Tätigkeiten für diese Klienten­gruppe anzubieten.

 

Ziele der Tätigkeiten sind:

 

¨     Struktur und Halt

¨     Aktivierung von Ressourcen, die die Persönlichkeit stabilisieren und dadurch die Eigenmotivation zur Abstinenz unterstützen und fördern

¨     Entwicklung der Fähigkeit, Alltagssituationen auszuhalten und zu bewältigen

¨     Förderung der Selbstachtung und des Selbstwertgefühls

¨     Vermittlung von Fertigkeiten und Grundkenntnissen verschiedener Arbeitsabläufe

¨     Entwicklung von Arbeits- und Sozialverhalten

¨     Bereicherung des Lebens durch sinnstiftende Arbeit

¨     Stabilisierung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit

Unsere Angebote sind:

 

Küchen- und Einkaufstätigkeiten:

 

¨     Sortieren der Lebensmittelspenden

¨     Erstellen einer Einkaufsliste

¨     Durchführung des Einkaufs, adäquate Lagerung der Lebensmittel

¨     Essenszubereitung und -ausgabe

¨     Decken und Abräumen der Tische

¨     Reinigung des Geschirrs, der Geräte, der Küche

 

Putz- und Hauswartsarbeiten:

 ¨     Durchführung kleinerer Reparaturen

¨     Reinigungsarbeiten

¨     Versorgung der Pflanzen und Aquarien

¨     Fahrradreparaturen

 

Transport- und Renovierungsarbeiten:

 

¨     Transporthilfe bei Spenden aller Art

¨     Wohnungsauflösungen

¨     Durchführung von Umzügen

¨     Renovierungsarbeiten aller Art

 

Lernen am Computer (in Planung):

 

¨     Vermittlung von PC-Grundkenntnissen

¨     Briefe und Bewerbungen etc. zu schreiben

¨     Nutzung des Internet zu ermöglichen zur Recherche nach Angeboten des Arbeitsamtes, von Beratungsstellen und sozialen Einrichtungen sowie Beschäftigungs- und Wohnungsangeboten

¨     Kommunikation per E-mail z. B. mit anderen Betroffenen und/oder Initiativen in entsprechenden Einrichtungen

¨     Gestaltung, Einrichtung und Pflege einer Internetseite

¨     Spiele

 

Sport und andere Aktivitäten:

 

¨     Tischtennis, Dart, Schach, Schwimmen, Kartenspiele, Kegeln

¨     Teilnahme am Berliner Fußballturnier der Obdachlosen

¨     Ausflüge und Dampferfahrten in Berlin und im Umland

¨     Durchführung gemeinsamer Feste mit den Verbundpartnern

¨     Besuch von Kino, Theater und Museum 

Gerade in Krisen, wenn ein Abbruch der Motivationsarbeit droht, kommt unser Beschäftigungskonzept besonders zum Tragen. Nach einem Rückfall wird ein neues Anknüpfen über die Arbeitsprojekte von den Klienten oft als einfacher und weniger konfrontativ erlebt als ein klärendes Gespräch. Über den Beschäftigungskontext kann der Kontakt behutsamer wieder aufgenommen werden.  

Der kulturelle Bereich ist eine interessante Ergänzung zum Beschäfti­gungsangebot der Tagesstätte. Er ist ein geeignetes Instrument, dem Klienten durch Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen, weitere Energiepotentiale und Ressourcen zu entdecken. In der Interaktion mit anderen Menschen werden Grenzen, aber auch Fähigkeiten wahrgenommen und erlebt. Aufgrund neuer Lernanreize werden Verhaltens- und Einstellungsveränderungen gefördert. Letztlich soll dies alles dazu dienen, daß der Klient wieder Mut faßt, auch das Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.

 

7.  Statistik der Motivationsarbeit

Zeitraum: Januar 1998 bis Dezember 2000

Gesamtbesucherzahl in dieser Zeit: ca. 3500 Personen

 

 

 
 


Anteil der Männer und Frauen in intensiver Arbeitsbeziehung

Das durchschnittliche Alter der Klienten betrug 43 Jahre.

Der älteste Klient war 71 Jahre alt, der jüngste 27 Jahre.

Hier nun noch einige Erläuterungen zu den statistischen Angaben:

In dem Zeitraum von Januar 1998 bis Dezember 2000 entwickelte sich zu 61 Personen eine intensive Arbeitsbeziehung. Diese Zahlen geben nur so etwas wie die Spitze des Eisberges wieder. Unberücksichtigt geblieben sind die unzähligen Kontaktbemühungen und Motivations­gespräche in der Tagesstätte, die zunächst ohne Auswirkungen geblieben sind, weil die Arbeitsbeziehungen einseitig von den Klienten abge­brochen wurden.

Bei vielen ist der Zeitpunkt noch nicht gekommen, an dem sie wieder Vertrauen zu einem Hilfesystem entwickeln können. Zu schwerwiegend sind die Störungen und Vorbehalte, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben, zu groß noch der Spielraum für ein Leben am Rande oder außerhalb der Gesellschaft.

Die Vermittlung in Entgiftungsbehandlungen und Langzeittherapien spiegelt einen zum Teil sehr intensiven und problematischen Arbeitsprozeß wider, der durch viele Rückschläge und Beziehungsabbrüche gekennzeichnet ist. Oft mußten wir feststellen, daß gerade dann, wenn es nach einer intensiven Betreuungsphase gelungen war, erste wirkliche Fortschritte zu erreichen, wenn sozusagen ein wenig Licht am Ende des Tunnels sichtbar wurde, daß dann der Klient wieder rückfällig wurde, die Arbeitsbeziehung zeitweise oder sogar ganz abbrach und wieder verelendete oder in einer anderen Berliner Tagesstätte Unterschlupf suchte. Das war für die beteiligten Mitarbeiter, die sich oft mit viel Engagement um den entsprechenden Klienten gekümmert hatten, nicht immer leicht zu verkraften.

Die Süchtigen (miß)brauchen ihr Suchtmittel in der Regel dazu, daß es ihnen schlecht geht, und nicht dazu, wie sie oft vorgeben, daß es ihnen besser oder gut geht. Denn es würde das alte vertraute Gefühlselend, das ihnen als Heimat Sicherheit gibt, in Frage stellen. Das Schlecht­gehen, die miserablen, scheinbar unerträglichen Gefühle sind es, die ihr Ich in dieser Welt stabilisieren. Und die Stabi­lität des eigenen Ichs ist für Menschen das höchste Gut.

Diese dem Klienten nicht bewußten Zusammenhänge haben wir als die innere Sisyhpusarbeit des Süchtigen bezeichnet und in einem Selbst­quälrad, das mit Hilfe eines Suchtmittels in Schwung gehalten wird, zu veranschaulichen versucht:                                     

 
 

Gefühlselend als innere Heimat.Die alte vertrauteVerzweiflung gibt Sicherheit,Orientierung, Halt, Geborgenheit und ein ganz tiefes,grundsätzlichesAlles-in-Ordnung-Gefühl.

Dadurch wird das Ich stabil gehalten.

 

Selbstablehnung                                  Selbstverachtung (Die nach innen genommene Ablehnung und Verachtung früher Bezugspersonen)tiefer seelischer Schmerz    

  Die miserablen Gefühle lassen nach; das Ich wird instabil; Gefühl des Bedrohtseins in derWelt; Todes-Angst.
  Die Suchttmittel  

Nur mit guter Teamarbeit und einem hohen Maß an Professionalität lassen sich solche Rück­schläge und Belastungen ertragen und be­wältigen. Zahlen­mäßig sind in unserer Statistik (siehe Seite 25) nur die wirklich erfolgreich abge­schlossenen Vorgänge angegeben.

In der Altersstruktur ist ein großer Anteil von 40-jährigen, die nach einer Abhängigkeitsentwicklung von ca. 15 – 20 Jahren in einen existentiell schwerwiegenden Ambivalenzkonflikt kommen und eine Reintegration in gesellschaftliche Bezüge erwägen. An unserem Fallbeispiel ist zu sehen, daß es auch Klienten jenseits der 50 Jahre noch nicht aufgegeben haben, an eine Verbesserung ihrer Lebensqualität zu glauben und daran zu arbeiten.

 

8.  Fallbeispiel

Wir berichten über Herrn A., einen 52-jährigen Mann türkischer Herkunft, der seit 28 Jahren in Berlin lebt.

Am Beispiel seiner Lebensgeschichte läßt sich die individuelle Ent­wicklung einer Abhängigkeitserkrankung und die Notwendigkeit eines niederschwelligen Zugangs zum Hilfesystem „Sucht“ exemplarisch auf­zeigen.

Herr A. lebte bis zu seinem 24. Lebensjahr in der Türkei. Seine Emigration nach Berlin im Jahre 1972 hatte viel mit einer Flucht zu tun, weil die Schwierigkeiten, die er bis dahin kennengelernt hatte, für ihn nicht lösbar erschienen.

Es fing damit an, daß er schon in seiner Kindheit, die er in U., einer ländlichen Region in der Türkei verbrachte, die Auswirkungen von Alkoholabhängigkeit bei seinem Vater kennenlernte. Das Trinken von Alkohol ist in der Türkei auf Grund moslimischer Glaubens­über­zeugungen sehr problematisch und – anders als hierzulande – gesell­schaftlich geächtet. Das bedeutet, daß ein offener Umgang mit Alkoholproblemen nahezu unmöglich ist und Angehörige, vor allem Kinder, eigentlich nur die Rolle von Co-Abhängigen spielen können, wollen sie ihr trinkendes Familienmitglied nicht dieser Ächtung preis­geben.

Herr A. wurde mit diesem Konflikt nicht fertig und konnte damals nicht verstehen, warum er den Zorn seines Vaters auf sich zog, nachdem er seinerseits bereits mit 13 Jahren anfing, Alkohol zu trinken. Er hatte gerade vor einem Jahr die Schule beendet und ließ sich in der Firma seines Schwagers zum Schweißer ausbilden, als die Atmosphäre inner­halb der Familie immer unerträglicher wurde.

Der Konflikt mit seinem Vater verschärfte sich derart, daß Herr A. im Alter von 14 Jahren beschloß, nach Istanbul zu ziehen. Auf sich allein gestellt, versuchte er durch Gelegenheitsjobs seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch schon damals wurde die Abhängigkeit vom Alkohol zusehens stärker.

Ab seinem 20. Lebensjahr versah Herr A. für zwei Jahre den Militärdienst. Das bedeutete zumindest eine Unterbrechung seines bereits außer Kontrolle geratenen Alkoholkonsums. Im Anschluß daran blieb er noch weitere zwei Jahre in Istanbul, doch die Alkoholexzesse häuften sich. Ein Problembewußtsein oder eine Einsicht in seine Abhängigkeitserkrankung waren damals nicht vorhanden.

Aufgrund all seiner Schwierigkeiten faßte er den Entschluß, nach Deutschland, genauer nach Berlin, zu gehen. Vorher zog er eine seiner drei Schwestern ins Vertrauen, die ihn darin bestärkte, daß er wegen seiner Alkoholproblematik nicht mehr in die Türkei gehöre.

Doch in Deutschland angekommen, verschlimmerte sich seine Lage, weil ihm die Umstellung verständlicherweise schwer fiel. Angstzustände und Panikattacken wechselten mit Zeiten depressiver Verstimmung ab.

Obwohl Herr A. nach einer überstandenen Tuberkuloseerkrankung ab 1976 als Schweißer in verschiedenen Firmen arbeitete, beruhigte sich seine Lebenssituation nicht. Zu oft mußte er sich wegen seines Trink­verhaltens rechtfertigen, und von dem verdienten Lohn blieb am Monats­ende nichts übrig.

Im Jahre 1995 verlor er schließlich seinen Arbeitsplatz. Ein rasanter sozialer Abstieg begann. Wenig später verlor er auch seine Wohnung. Einen Freundes- oder Bekanntenkreis, den er in Notzeiten hätte in Anspruch nehmen können, besaß er schon lange nicht mehr. Seine Ernährung und Körperpflege vernachlässigte er mehr und mehr. Alkoholmißbrauch bestimmte sein Leben. Alles andere war Herrn A. völlig gleichgültig geworden. Er verelendete, war der völligen Ver­zweiflung nahe. Zwischen 1995 und 1997 unternahm Herr A. unter Alkoholeinfluß drei Suizidversuche.

 Obwohl er sich nach Entgiftungsbehandlungen immer wieder vornahm, seine Schwierigkeiten endlich zu überwinden (er hatte bis zu seinem Erscheinen in unserer Tagesstätte mehr als 30 Entgiftungsbehandlungen und bereits vier Langzeittherapien durchlaufen), gelang ihm das nicht. Statt dessen rutschte er schließlich in die Kriminalität ab.

 Herr A. war ein eher unauffälliger Besucher der Tagesstätte. Bereits bei den Erstkontakten nahmen wir des öfteren bei ihm eine Alkoholfahne wahr. Herr A. besuchte die Tagesstätte seit März 1999 regelmäßig und half gerne, wenn möglich, bei der Verarbeitung der Lebensmittel­spenden. Auch in der Sportgruppe während der Sommermonate war er sehr aktiv. Näher lernten wir ihn bei den gemeinsamen Vorbereitungen für das Fest am Wassertorplatz kennen, an dem er sich aktiv beteiligte. Wir kamen nun immer häufiger mit ihm ins Gespräch und Stück für Stück vertraute er uns seine Lebensgeschichte an. Seine Besuche in der Tagesstätte wurden nun aufmerksamer beobachtet und die Gespräche häufiger geführt, wobei die Aktivität immer noch von uns ausging. So schöpfte er Vertrauen, und wir begannen auf seinen Wunsch hin ein für ihn bedrückendes Problem anzupacken.

 Es ging um die Regulierung seiner Schulden, die in viele Einzelposten zergliedert waren. Er selbst fühlte sich damit völlig überfordert und hatte bisher auf keinen einzigen Gläubiger reagiert. Er übergab uns einen Stapel mit ungeöffneten Briefen.

 Gemeinsam machten wir uns an das Sichten der Briefe, setzten uns mit den Gläubigern in Verbindung, klärten sie über die Situation von Herrn A. auf und baten um Stundung oder Erlassung der Schuld. In drei Fällen konnte eine geringe Ratenzahlung vereinbart werden.

 Doffenbarte as erleichterte ihn so sehr, daß er wieder mehr Vertrauen zu sich selbst faßte. Erst jetzt er uns die fStrafanzeigen, ür ihn düsteren Kapitel seines Lebens. Das Schlimmste waren für ihn die die im Laufe des letzten Jahres wegen Ladendiebstahls gegen ihn gestellt worden waren. Wenn er seine Trinkphasen habe und kein Geld in der Tasche, dann gehe es eben nicht anders, als „kleine Delikte“ zu begehen, gestand er uns in einem Gespräch.

 Insgesamt wurden nun neun Strafsachen bearbeitet, sieben davon waren bereits als Strafverfahren anhängig. Herr A. war bereit, nach Möglichkeit vieles davon durch Arbeitsleistungen abzu­gelten. So arbeitete er eine Zeitlang als Kurier in einem Fahrradprojekt sowie als Hilfskraft im Haus- und Gartenbereich eines Aufnahme­wohnheimes.

Sein Selbstwertgefühl, das vor kurzem noch auf einem Tiefpunkt gewesen war, steigerte sich nun zusehens. Durch seine Tätigkeit im Alltagsbetrieb der Tagesstätte nahm er inzwischen eine gewisse Position innerhalb des Versorgungssystems ein, das ihm ein stückweit Achtung und Würde zurückgab. Neben der menschlichen Zuwendung durch die Mitarbeiter war die Beschäftigung ein wesentlicher Faktor, der ihn stabilisierte.

Seine soziale Situation wurde allmählich wieder stabiler und damit bekam auch die Motivation, an seinen Problemen zu arbeiten, immer mehr Auftrieb. Und so gingen wir mehr und mehr dazu über, mit Herrn A. nicht nur Gespräche in der Tagesstätte zu führen, sondern ihn auch hin und wieder nach unten mit in die Räume der Beratungsstelle zu nehmen, wo in ruhiger und geschützter Atmosphäre über seine Anliegen gesprochen werden konnte, ohne daß er dadurch dem Ort der Tagesstätte entfremdet worden wäre, der für ihn so etwas wie „Heimat“ geworden war. Hier bewährte sich die Klammerfunktion des Mitarbeiters, der sowohl in der Tagesstätte als auch in der Beratungsstelle ange­siedelt ist.

In einem nächsten Schritt wurden die Probleme von Herrn A. aufgelistet und in eine Rangfolge gebracht. Gemeinsam konnte eine Strategie für deren mögliche Lösung entwickelt werden.

Als erstes wurde eine geeignete Unterbringung für Herrn A. gesucht. Er entschied sich für das Betreute Einzelwohnen der Arbeiterwohlfahrt in Kreuzberg, dabei war ihm die räumliche Nähe zur Tagestätte besonders wichtig. Natürlich bedeutete der Bezug einer eigenen Wohnung einen wichtigen Schritt zu mehr Eigenständigkeit. Schwierig war es für Herrn A., darin zurechtzukommen. Er hatte zunächst Beklemmungen und wußte einfach nicht, was er den lieben langen Tag über allein in seiner Wohnung machen sollte. Es gab für ihn keinen haltgebenden Rahmen wie eine familiäre Bindung oder ein neues Arbeitsverhältnis, so daß immer deutlicher wurde, daß er letztlich noch nicht alleine wohnfähig war.

Gerade in dieser Phase sicherte ihm der regelmäßige Aufenthalt in der Tagesstätte, in dem Alkohol konsequent begrenzt wird, einige ruhige Stunden außerhalb seiner angstbesetzten Wohnsituation. Das Einsam­keitsgefühl, das ihm vorher bei Tage sehr zu schaffen machte, wurde dadurch zurückgedrängt und auch der Trinkdruck reduzierte sich zeitweise auf ein Minimum. Andererseits kam es auch vor, daß er sich längere Zeit nicht blicken ließ und erst nach Tagen oder Wochen (nach Alkoholexzessen heruntergekommen und verwahrlost) reumütig und zerknirscht wieder auftauchte.

 Zu einer schweren Krise kam es, als Herr A. eines Tages betrunken und mit aufgeschnittenen Pulsadern blutüberströmt in der Tür der Tages­stätte stand. Er wolle alles hinwerfen, sein Leben habe keinen Sinn mehr, er könne nicht mehr, stammelte er. Nachdem unsere Ärztin, die an diesem Tag glücklicherweise anwesend war, die Wunden versorgt hatte, berichtete Herr A., weshalb er sein Leben beenden wollte.

 

Er erhielt zwei Tage zuvor eine erneute Ladung zu einem Gerichts­termin. Er versteht das nicht, daß die Probleme weitergehen, obwohl er doch schon ein besseres Leben angefangen hatte, war seine Erklärung.

Hier bewährte sich die schon gewachsene Beziehung zu dem Klienten, der in Situationen, die für ihn bedrohlich sind, oft nur noch mit panischen Ängsten, Betäubung durch Alkohol oder Suizidgedanken reagieren kann. Es war das ersten Mal, daß Herr A. sich in einer Krise nicht völlig von den Mitarbeitern der Tagesstätte zurückgezog, sondern sie gerade im Zustand seiner tiefsten Verzweiflung aufsuchte. Dies war ein wichtiger Schritt in der Betreuung von Herrn A., zeigte er doch, daß Herr A. Vertrauen zu der Einrichtung und den Mitarbeitern gewonnen hatte.

Dieser erneute Suzidversuch von Herrn A. war für uns Anlaß zu überlegen, ob nicht doch eine fünfte Langzeittherapie sinnvoll sein könnte. Bisher hatten wir dies noch nicht in Erwägung gezogen, da die Aussichten auf eine Bewilligung sehr ungünstig waren, und wir keine Hoffnungen wecken wollten, die sich dann nicht erfüllen ließen. Dennoch nutzten wir jetzt die Anwesenheit eines türkisch-sprechenden Thera­peuten, der sich zufällig in der Beratungsstelle aufhielt, um das spezielle Angebot seiner Klinik, die sich in West­deutschland befindet, vorzu­stellen, und arrangierten ein Gespräch zwischen Herrn A. und diesem Therapeuten.

Als diese Idee von Herrn A. positiv aufgenommen wurde, gingen wir daran, die Antragsformulare auszufüllen und einzureichen. Wie es nicht anders zu erwarten war, lehnten Rentenversicherungsträger und Krankenkasse die Übernahme der Behandlungskosten mit der Begründung ab, daß mit einer Besserung bei Herrn A. nicht mehr zu rechnen sei, da ja die bereits finanzierten vier Rehabilitations­maß­nahmen nicht gefruchtet hätten.

In diesem Fall war es der guten Zusammenarbeit mit dem Sozial­psychiatrischen Dienst Kreuzberg zu verdanken, der eine weitere Lang­zeittherapie ebenfalls für sinnvoll und erforderlich hielt und die Übernahme der dafür anfallenden Kosten befürwortete. Das Sozialamt Kreuzberg folgte dieser Sichtweise und übernahm schließlich die Kosten.

Inzwischen ist Herr A. von seiner fünften Langzeittherapie zurück. Er verhält sich nach allem, was in der Suchtkrankenhilfe in der Nachsorge als weiterführend angesehen wird, richtig. Er hat den Anschluß an das örtliche Suchthilfesystem gesucht und gefunden, besucht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe und kommt zu vereinbarten Einzelgesprächen in die Beratungsstelle. Weiter probiert er sportliche Entspannungstech­niken in Form von Jogging aus und versucht vom Arbeitsamt durch eine aktive und interessierte Haltung Arbeit zu bekommen.

Besuche der Tagesstätte stehen weiterhin auf seinem Programm, besonders an den Wochenenden, wenn er sich in seiner Wohnung allein und verlassen fühlt.

Vor kurzem ist für Herrn A. eine AB-Maßnahme durch das Arbeitsamt bewilligt worden. Herr A. ist gut motiviert, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Wochentags hat er nun eine Aufgabe. Das verdiente Geld setzt er für die Tilgung seiner Schulden ein. Sein nächstes Ziel ist der Einzug in eine eigene Wohnung. Sehr stolz und froh ist er, jetzt schon ein Jahr „trocken“ zu sein.

Seit unserem ersten Kennenlernen sind etwa eineinhalb Jahre vergangen. Es hat sich gezeigt, daß ein solch erfolgreicher Verlauf der Stabilisierung und Reintegration eines vollkommen gescheiterten Menschen unter anderem von folgenden Voraussetzungen abhängt:

¨     bei der Kontaktaufnahme sollten gezielt Anzeichen der Alkohol­abhängigkeit wahrgenommen und thematisiert werden

¨     positive Einflußnahme bei dem Ambivalenzkonflikt, in dem sich der Klient mit Veränderungsschritten auseinandersetzt (siehe Modell der Motivationsarbeit)

¨     nach einer Unterstützung bei der Sicherung der materiellen und emotionalen Lebensgrundlagen sollte der Zugang in das Suchthilfe­system einzelfallentsprechend (niederschwellig) gesucht und voll­zogen werden

¨     Wiederaufnahme bzw. Weiterführen des Veränderungsprozesses nach Rückfallsituationen (siehe Spiralmodell von Veränderungen bei Abhängigkeit)

¨     Entlassung des Klienten in ein selbstbestimmtes Leben

9.  Resümee 

Fakt ist, daß unsere Gesellschaft das Thema „Armut“ offenbar leichter erträgt als das Thema „Sucht“ und dieses generell für lösbarer hält. Das kom­plexere und weniger auf Randgruppen projezierbare Thema „Sucht“ wird hingegen als kaum behebbar angesehen - und verdrängt. Kurz gesagt: Für Armut fühlt sich die Gesellschaft (noch) eher zuständig, für eine Suchterkrankung und deren Folgen wird überwiegend das Indivi­duum alleine verantwortlich gemacht.  

Weder in der Fachliteratur noch in der Praxis gab es zu Beginn unseres Projektes ausreichende Erfahrungen, wie niederschwellige Motivations­arbeit mit suchtkranken Obdachlosen praktisch umgesetzt werden kann. Im allgemeinen sprach man von Motivationsarbeit eher im therapeu­tischen Kontext. Von daher betraten wir vor drei Jahren Neuland, als wir mit dieser Arbeit in unserer Tagesstätte für Wohnungslose began­nen. Dies war nur durch die aktive Unterstützung der Mitarbeiter der sich im selben Hause befindlichen Beratungsstelle für Alkoholkranke und Medikamentenabhängige möglich. 

Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Alkoholkonsum in der Tagesstätte von den Sozial­arbeitern weitgehend toleriert oder schlicht ignoriert. Das Ziel der Einflußnahme war, wenn überhaupt, eine „sozial­verträgliche“ Reduktion der Trinkmenge, jedoch nicht eine ernsthafte Ausein­an­dersetzung oder gar Behandlung der Alkohol­krankheit. Aus Hilflosig­keit wurden einzelne Klienten auf das bestehende Sucht­hilfesystem verwiesen, das sie jedoch so gut wie nie für sich wirklich in Anspruch nehmen konnten oder wollten. Die Alkohol­abhängigkeit aber stellte den Erfolg der täglichen Arbeit immer wieder in Frage. 

Ein wichtiges Prinzip der etablierten Suchtkrankenhilfe ist, daß der Abhängige erst ganz unten angekommen sein muß, bevor er genügend Motivation zu einer lebensentscheidenden Veränderung aufbringen kann. Bei suchtkranken Obdachlosen ist dieser Tiefpunkt oft schon erreicht worden, ohne daß daraus eine Veränderungsmotivation entstanden wäre. Daher ist dieser Ansatz für die Motivationsarbeit mit unserem Klientel nicht ohne weiteres nutzbar zu machen. Deshalb war es notwendig, eigene Methoden zu entwickeln und auszuprobieren.  

Wir bringen die Beratung zum Obdachlosen und setzen da an, wo dieser real steht. Wir begegnen ihm, setzen uns mit ihm auseinander und begleiten ihn ein Stück des schweren Weges. Gestützt durch den Berater kann der Klient kleine Schritte der Veränderung gehen, ohne durch Überforderung Fluchttendenzen entwickeln zu müssen. Ein langer und intensiver Kontakt läßt den Berater frühzeitig Krisen erkennen und gibt ihm die Möglichkeit, entsprechend zu reagieren. Die kontinuierliche Begleitung der Veränderungsschritte ermöglicht es, den suchtkranken Obdachlosen langsam in das Suchthilfesystem zu integrieren. 

Im Laufe der Arbeit sind die Mitarbeiter von Tagesstätte und Beratungs­stelle zu einem Team zusammengewachsen. Insbe­sondere in der Tagesstätte hat sich ein ganz neues Verständnis der Zusammenhänge von Wohnungslosigkeit und Suchtmittelabhängigkeit entwickelt. Die Beratungsstelle wiederum hat sich für die spezielle Problematik suchtkranker Obdachloser geöffnet. Die gemein­samen Erfah­rungen haben zu einer übergreifenden Sichtweise des Problems geführt und die Arbeitsweisen der beiden Einrichtungen neu geprägt und bereichert. 

In diesem Zusammenhang möchten wir uns besonders bei Herrn Held, dem jetzigen Leiter der Plan- und Leitstelle, bedanken, der den inhalt­lichen Anstoß zu dieser Arbeit gab und sie im Rahmen seiner Möglich­keiten aktiv gefördert und unterstützt hat. 

Die Ergebnisse machen Mut, die Arbeit weiter zu entwickeln in der Hoffnung, daß dieses noch in den Anfängen befindliche Arbeitsfeld zukünftig bei der Vergabe finanzieller Mittel angemessen berücksichtigt wird. Hat es doch zunächst den Anschein, daß die Wohnungslosenhilfe mit Honorarkräften und ehrenamtlichen Mitarbeitern weitaus kosten­günstiger ist, so wird diese Rechnung längerfristig nicht aufgehen. Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung hat ermittelt, daß die Kosten alkoholbezogener Krankheiten bei knapp 40 Milliarden DM im Jahr liegen. Hinzu kommen noch nicht ermittelte Kosten durch Kriminalität sowie intangible Kosten.

Wünschenswert wäre es unseres Erachtens, zukünftig eine engere Kooperation zwischen Suchtberatung und Wohnungslosenhilfe (wie zum Beispiel der Kältehilfe, den mit Obdachlosen arbeitenden Kirchen­gemeinden und anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe) zu installieren. Ein erster Schritt könnte dabei eine suchtspezifische Schu­lung für Mitarbeiter aus diesem Tätigkeitsbereich sein. Daran an­schließend wäre eine regelmäßige Supervision dieser Mitarbeiter durch Suchtfachleute sinnvoll. In einem weiteren Schritt könnte dann die Etablierung eines Suchtberaters in den Projekten der Wohnungslosen­hilfe angezeigt sein. 

Wir betrachten unsere Motivationsarbeit mit alkoholkranken Obdach­losen mittlerweile als einen wichtigen Baustein in der sozial­psychiatrischen Versorgungsstruktur des Bezirkes Friedrichshain-Kreuz­berg und auch innerhalb Berlins, wo nach unseren Kenntnissen kein vergleichbares Projekt existiert

 

10.  Verwendete Literatur

 

 

Aßfalg, Reinhold

(Rothenbacher, Hermann)

 

Diagnose der Suchterkrankung

Neuland Verlagsgesellschaft

2. Auflage 1991

Aßfalg, Reinhold Die heimliche Unterstützung der Sucht:

Co-Abhängigkeit

Neuland Verlagsgesellschaft

1999

 

Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport 3. Drogen- und Suchtbericht

Land Berlin

1997

 

 

Bezirksamt Kreuzberg von Berlin

 

Gesundheitsberichterstattung Kreuzberg

Spezialbericht

1997

Bühringer, Gerhard

(und andere)

Alkoholkonsum und alkoholbezogene Störungen

in Deutschland

Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit (Band 128)

Nomos Verlagsgesellschaft 2000

 

Feuerlein, Wilhelm

(Küfner, Heinrich

Soyka, Michael)

Alkoholismus – Mißbrauch und Abhängigkeit

Thieme Verlag

5. überarbeitete und erweiterte Auflage 1998

 

Gresförder, Klaus Arme Suchtkranke – suchtkranke Arme

in: Partner-Magazin, Jg. 30 (1996), H. 6, S. 14-17

 

Henkel, Dieter

(Irmgard Vogt)

Sucht und Armut: Alkohol, Tabak, Medikamente, illegale Drogen

Leske und Budrich

1998

 

Kunstmann, Wilfried

(Gerling, Silke

Becker, Hinnerk)

Medizinische Versorgungsprojekte für Wohnungslose – Ursachen und Konzepte

in: Wohnungslos, Jg. 38 (1996), H. 3, S. 103-112

 

 

Kuntz, Helmut Der rote Faden in der Sucht

Beltz Verlag

2000

 

Längle, Gerhard Sucht: Die Lebenswelten Abhängiger

Attempto-Verlag

1996

 

Liedholz, Ulrich Gruppenarbeit mit suchtkranken Wohnungslosen

in: Partner-Magazin, Jg. 33 (1999), H. 3, S. 34-38

 

Lindenmeyer, Johannes Lieber schlau als blau

Psychologie Verlags Union

5. überarbeitete und erweiterte Auflage 1998

 

Monzer, Michael Umgang mit den stark abgebauten Alkoholikern unter den Wohnungslosen

in: Wohnungslos, Jg. 37 (1995), H. 4, S. 146-149

 

Petry, Jörg Behandlungsmotivation

Psychologie Verlags Union

1993

 

Podschus, Jan

(Dufeu, Peter)

Alkoholabhängigkeit unter wohnungslosen Männern in Berlin

in: Sucht, Jg. 41 (1995), H. 5, S. 348-354

 

Prochaska, James

(Norcross, John

DiClemente, Carlo)

Jetzt fange ich neu an

Droemer/Knaur

1997

 

Rost, Wolf-Detlef Psychoanalyse des Alkoholismus

Klett-Cotta

3. Auflage 1990

 

Trabert, Gerhard Gesundheitsstatus und medizinische Versorgung von alleinstehend, wohnungslosen Menschen

in: Das Gesundheitswesen, Jg. 59 (1997), H. 6,

S. 378-386

 

Wilson Schaef, Anne Im Zeitalter der Sucht

Deutscher Taschenbuch Verlag

1991