Armut, das heißt Abhängigkeit von anderen

von Hartmut Heidt


Seit nunmehr sieben Jahren bieten wir (die Lukas – Gemeinde) in der Pflügerstraße „Betreutes Wohnen“ an. Eine Hilfe für Männer (fast) jeden Alters, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Was alle gemeinsam haben bzw. eben nicht haben: Sie haben keine Wohnung und eine Menge anderer Probleme.

Bevor ich unser Projekt etwas näher beschreibe und auch auf die jüngsten Veränderungen eingehe, möchte ich drei „Experten“ zum Thema „Armut“ zu Wort kommen lassen. Es handelt sich hierbei um zwei aktuelle Bewohner der „Wohngemeinschaft Pflügerstraße“ und einen Ehemaligen. Sie sind Betroffene, die aus eigener Erfahrung sprechen. Um ihre Persönlichkeitssphäre zu schützen, nenne ich nicht ihre wirklichen Namen.

Spontan sind sie bereit, mit mir über das Thema zu sprechen. Wir sitzen um den Küchentisch in der Wohngemeinschaft. Anfangs ist das Gespräch etwas zögerlich, doch dann legen sie los.

„Armut, das heißt Abhängigkeit von anderen, auf Hilfe angewiesen zu sein, in erster Linie vom Sozialamt.“ Dass ihnen das alles andere als angenehm ist, brauchen sie nicht aussprechen, das verrät ihr Tonfall. „Man ist dem Amt ausgeliefert, kommt sich als Bittsteller vor.“

S. sagt: „Man wird ja nicht arm geboren.“ Und er spricht dabei von sich. „Selbstverschulden spielt auch eine Rolle. Sich gehen lassen und falscher Stolz. Ich wollte nicht zum Sozialamt gehen. So habe ich meine Wohnung verloren.“ Hintergrund seiner Situation war die Trennung von seiner langjährigen Lebenspartnerin. F. wendet ein: „Also ich bin in Armut geboren. Mein Vater hat sich das Leben genommen und meine Mutter hat mit sieben Kindern ganz schön zu kämpfen gehabt.“

Ein anderer Aspekt kommt zur Sprache: „Durch finanzielle Armut kommt es zu Armut an Beziehungen. Man kann nicht mit ins Kino gehen. Man ist ausgeschlossen oder schließt sich aus Scham selber aus.“ Einer berichtet von Situationen aus der U-Bahn: „Jemand kommt rein, erzählt, dass er obdachlos ist und bittet um Geld. Und was muss der sich anhören? ´Muss ´de arbeiten gehen!´“

Unverständnis für ihre Situation, Überheblichkeit von anderen, das haben auch meine Gesprächspartner zu Genüge erlebt. S. sagt: „Hartmut, das ist ja so: Stell dir ´ne Tanne vor. Ganz oben, so zu sagen die Spitze, bilden die mit gutem und gesichertem Einkommen. Darunter sind die mit gerade so ausreichendem Einkommen. Dann kommen die Arbeitslosen. Und Arbeitslosigkeit ist ja strafbar“, fährt er ironisch fort. „Ganz unten sind die Sozialhilfeempfänger und dann kommen noch die Obdachlosen. Dass ich aber auch mal eingezahlt habe, wird nicht gesehen“, äußert sich F. und verweist auf einen Morgenpost-Artikel, den er uns vorliest. Zitat: „Schröder erlässt Putin Schulden in Milliardenhöhe“.

F. ist empört: „Staatsgelder werden für andere sinnlos ausgegeben. Aber uns hilft keiner bei der Entschuldung.“ F. ist seit 20 Jahren überschuldet, hat durch mühevolles Abzahlen von dem wenigen, was er hat, schon viel erreichen können. Aber staatliche Hilfen für eine Umschuldung gibt es nicht. Er muss die Suppe allein auslöffeln. Würde ihm jemand einen zinslosen Kredit geben, könnte er mit den restlichen Gläubigern verhandeln und hätte nur noch diesen Kredit abzubezahlen.

Alle sind sich einig: „Man denkt nie, wie schnell man abrutschen kann.“ C., der sich bisher zurückgehalten hat, findet das Schlusswort: „Ich würde es gut finden, wenn die Armen genauso schnell reich werden könnten.“ – Herzlich lachen wir miteinander. Allen ist bewusst, dass dies nur ein schöner Wunschtraum ist.

Heute morgen lese ich in Psalm 113: „Wer ist wie der Herr, unser Gott, der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz?“ Das zeigt mir einmal mehr, dass Gottes Herz für Arme und Benachteiligte schlägt. Das macht mir Mut, für die Menschen mit denen wir arbeiten. Es nimmt sie in ihrer Situation wahr und mit ihm können sie über Mauern springen! So manch ein Weg führte an Gottes Hand zu neuer Stabilität im Leben. Also, lieber C.: Zwar nicht reich werden, aber doch viel dazu gewinnen. Wie wär das?“

Doch nun zu unserem Projekt. Wir bieten in der „Wohngemeinschaft Pflügerstraße“ sieben Betreuungsplätze an. In einer schönen Dachgeschosswohnung stehen jeweils möblierte Einzelzimmer zur Verfügung. „Hilfe zum Wohnen und Leben“, das ist unser Motto. In der Umsetzung heißt das: persönliche Unterstützung im Umgang mit Behörden und Schulden, bei der Arbeits- und Wohnungssuche, für ein suchtmittelfreies Leben usw. Die Arbeit geschieht auf Grundlage einer Vereinbarung mit der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz und wird über die Bezirksämter finanziert.

Neu ist, dass wir seit einiger Zeit unser Angebotsspektrum erweitert haben. Wir bieten nun auch die Betreuung in der eigenen Wohnung an, was für eine nachhaltige Integration in die Selbständigkeit sehr wichtig ist. Unterstützt wir die Arbeit von einem Freundeskreis aus den Reihen der Gemeinde. Regelmäßig trifft sich dieser zum Austausch und Gebet.


 

Adresse                       : Wohngemeinschaft Pflügerstraße

                                      Pflügerstraße 23

                                      12047 Berlin

 

Tel + Fax                     : 030 / 623 99 03

 

Ansprechpartner           : Hartmut Heidt

 

E – Mail                       : wg.lukasgemeinde@web.de

 

Web                            : www.lukas-gemeinde.de/Angebote

 

 

Dieser Artikel – hier in leicht gekürzter Form – ist erschienen im „MixMag“ Ausgabe 23, April – Juni 2002, Infomagazin des Berlin – Brandenburgischen Gemeindenetzwerkes im Mühlheimer Verband